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Institutionskritik an Museen und Datenbanken in der post-digitalen Wende

Während der Lockdowns haben Museen ihre bereits bestehenden Initiativen zur Digitalisierung der Sammlungsbestände und Ausstellungspraxis mit Nachdruck konkretisiert und diese zukunftsgewandte Virtualisierung mit ihrer Ausweitung partizipativer Möglichkeiten als einen weiteren Zugänglichkeits- bzw. Demokratisierungsschub beworben. Damit schienen nicht nur die institutionskritischen Auseinandersetzungen um die Hegemonie der Museen suspendiert zu sein, sondern auch die algorithmischen Regime der Datenbanken mitsamt den dazugehörigen Ideologien blieben unberührt. Das Museum übernahm so das unternehmerische Paradigma eines Silicon-Valley-Techkonzerns, ohne die damit verbundenen Werbe- wie Verkaufsmechanismen von Information/Daten kritisch zur Disposition zu stellen.
Wenn das Museum die Kunst nicht nur zeigt, sondern im Marketing-Stil eines digitalen Content-Providers im Hinblick auf die tatsächlichen Sehgewohnheiten der User*innen „optimiert“ und sie dabei den indexikalischen und ästhetischen Erfordernissen einer Software anpasst, deren proprietäres Format von einem privaten Unternehmen diktiert wird, dann bleibt hiervon die Definition der Kunst, die zur Darstellungsoberfläche reduziert wird, nicht ausgespart.
An der Tagung von IMAGE+ – einer österreichische Bild- und Bildforschungsplattform – wollen wir die Schnittflächenkompatibilität des Museums mit seiner ortspezifischen und historischen Genese zu einem scheinbar ideologiefreien Rechenzentrum bzw. einer global verfügbaren Datenbank kritisch hinterfragen. Wir schlagen vor, diese Entwicklung entlang der folgenden Fragestellungen zu untersuchen.

Den Begriff „Cloud-Based Institutional Critique“ führt der Autor Mike Pepi ein, um die ideologischen Konflikte zwischen Museen, aber auch anderen Kultureinrichtungen, und den Mechanismen des vernetzten Kapitalismus und dessen algorithmischer Regulierung zu erfassen. Der Versuch, die sozialpolitischen wie auch ästhetischen Implikationen dieser Konflikte einzuordnen, wirft einige Fragen auf.
– In ihrer Geschichte waren öffentliche Kunstinstitutionen immer wieder mit der Logik des Marktes konfrontiert. Der vernetzte Kapitalismus lässt aus Besucher*innen Nutzer*innen und aus Kunstwerken Datensätze von Bilddateien und Metadaten werden. Wie verändern diese Verschiebungen die Relevanz (und die Funktion) der Kunstinstitutionen und der Kunstwerke, die sie beherbergen? / Wie verändern diese Verschiebungen den Handlungsraum der Kunstinstitutionen und beeinflussen die in diesem Raum eingebetteten Kunstwerke?
– Durch eine ausdifferenzierte Arbeitsteilung pflegen Kunstinstitutionen, im Besonderen die Museen, durch Kurator*innen, Direktor*innen, Konservator*innen etc. ihre Bestände. Diese werden untersucht, kontextualisiert, diskursivisiert und ggf. einer Provenienzforschung unterzogen und restituiert. Die Datenbankadministrator*innen können solche Prozesse unterstützen; dennoch unterscheiden sich ihre Anliegen grundlegend hiervon. Sie präsentieren Informationen für User*innen im Hinblick auf die technischen Erfordernisse/Möglichkeiten eines Datenbankdesigns. Beziehen sich Kunstinstitutionen und Datenbanken in ihrer Arbeit auf ein ähnliches Verständnis eines öffentlichen „Gedächtnisses“? Falls nicht: Wie und wodurch unterscheiden sich die ideologischen Vorannahmen?

Diese Auseinandersetzungen um das ideologische Fundament der Datenbanken bekommen zusätzliche Dringlichkeit im Hinblick auf das Forschungsgebiet der digitalen Kunstgeschichte. Die Künstlerin und Theoretikerin Hande Sever weist in „Biases within Digital Repositories: The Getty Research Portal“ nach, dass die Formen einer kunsthistorischen Voreingenommenheit von den bestehenden in die technischen Strukturen transferiert und dort noch erweitert werden: Damit verstetigt sich also die kunsthistorische Unterbewertung des kulturellen Erbes der nicht-euro-amerikanischen Welt in den Datenbanken. Diese analogen und digitalen Prozesse verweben sich derart ineinander, dass sich nicht klar benennen lässt, wo „die technische Entscheidung beginnt und wo das kulturelle Vorurteil endet,“ so Sever. Das Digitale stellt somit keinen abgesonderten Parallelraum dar.
– Wie lassen sich die Metadaten von Terminologiedatenbanken wie dem als internationaler Standard fungierenden Getty Vocabularies auf ihre technische Voreingenommenheit befragen?

Für die Beiträge ist eine Länge von 15–20 Minuten vorgesehen. Wir bitten um Abstracts im Umfang von max. 3000 Zeichen und eine Kurzbiographie (max. 1500 Zeichen) per E-Mail an image@uni-ak.ac.at. Vortragende erhalten Honorar und Reisekosten. Konferenzsprachen: Deutsch und Englisch. Alle Vorträge werden auch live online ausgestrahlt und falls möglich online verfügbar bleiben. Die Teilnahme an der Konferenz ist kostenlos. Bei Rückfragen kontaktieren Sie bitte image@uni-ak.ac.at. Weitere Information zum Forschungsprojekt: www.angewandtekunstgeschichte.net/forschung/image-platform-for-open-art-education

„IMAGE+ Platform for Open Art Education“ ist eine österreichische Bild- und Bildforschungsplattform zur Verbesserung der Qualität der Lehre. IMAGE+ bietet einen umfassenden Bestand an hochwertigen digitalen Bildreproduktionen künstlerischer Arbeiten. Die Abbildungen in IMAGE+ sind mit hochwertigen Metadaten angereichert, die Werkinformationen wissenschaftlich gesichert. IMAGE+ steht Lehrenden und Studierenden an den teilnehmenden Universitäten zur Verfügung, Künstler*innen und Absolvent*innen der Kunstpädagogik können die Datenbank für ihre tägliche Arbeit verwenden und sich laufend fortbilden. Das Projekt ist an der Universität für angewandte Kunst Wien verankert. In Kooperation mit der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, der Universität Mozarteum Salzburg sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Dokumentationsplattform österreichischer Kunst basis wien.